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photographische Positionen zu Aspekten des Urbanen: Ausstellungen | Texte | Aktivitäten



 

[ (c) Tobias D. Kern]
 

 
Der Reflex des Wiedererkennens --
Die Verwandtschaft von Dichtung und Fotografie

In unseren Ausstellungen in diesem und im nächsten Jahr beschäftigen wir uns mit Bezügen zwischen Literatur und bildender Kunst. Es ist offensichtlich, dass es prinzipielle Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ausdrucksformen gibt -- etwa hinsichtlich der Offenheit in der Rezeption. Wir konkretisieren dieses weite Feld, indem wir uns auf die Dichtung und die Fotografie konzentrieren und Fragen bearbeiten wie: Kann man ein Foto wie ein Gedicht lesen (wie das etwa Robert Frank für seine Arbeiten verlangt hat)? Warum fotografiert ein Dichter? Wie kann man Lyrik und Fotografie zusammenbringen? Und welcher ästhetische Mehrwert kann daraus erwachsen?

Es gibt vielfältige Beispiele aus der künstlerischen Praxis für das Miteinander von Text und Bild auf Augenhöhe. Etwa die Zusammenarbeit des Dichters und Journalisten James Agee mit Walker Evans oder die des Schriftstellers John Berger mit Jean Mohr. Jack Kerouac hat dem Fotografen Robert Frank 'einen Platz unter den tragischen Dichtern der Welt' zugesprochen. Winfried Georg Sebald und Wisława Szymborska sind Schriftsteller, die sich in ihren Texten explizit mit Fotografie auseinandersetzen; Erich Kästner hat über ein fotografiertes Portrait eines Konfirmanden gedichtet. Heinz Cibulka hatte eine Phase, in der er seine Fotos zu Bildgedichten anordnete und Rolf Dieter Brinkmanns Fotografien sind parallel zu seinen Gedichten entstanden -- oder umgekehrt.

Als Auftakt zeigen wir ab Mai als Beitrag zur Photoszene Köln die Fotoserie 'Hartmannswillerkopf -- Berg der Erinnerung' von Tobias D. Kern. Der Fotograf hat seine Bilder der Bunker und die Porträts deformierter Bäume durch Gedichte aus dem Tropfblut-Zyklus 'Gedichte aus dem Krieg' des expressionistischen Dichters August Stramm (1874--1915) ergänzt.

Martin Frech, März 2020